OSTEND - Teelichter liegen auf dem Boden. Aneinandergereiht bilden sie ein kleines Herz und ein großes Herz, in dessen Mitte zudem ein großes F gelegt ist. Dahinter reihen sich zahlreiche abgelegte Blumen. Zwei gerahmte Bilder zeigen einen jungen Mann. Davor stehen mehrere rote Grablichter.
Am Rand des Nordbeckens des Frankfurter Osthafens ist eine Gedenkstätte entstanden. Vom gegenüberliegenden Kai klingen Motorgeräusche eines Baggers herüber. Eine Container-Hebeanlage setzt sich quietschend in Bewegung. Im tiefen Hafenbecken, zwischen den beiden Kais, glitzert das Wasser in der Sonne. Der Schein kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen - der Hafen ist zu einem tragischen Ort geworden.
Ansicht oben (zur vollen Große anklicken): Die Unglücksstelle am Nordbecken des Frankfurter Osthafens. Foto: MAXLOK MEDIA
Vier Tage ist es her, dass in der Nacht von Freitag auf Samstag fünf junge Menschen, im Alter von 17 und 18 Jahren, in einem weißen SUV das gelbe Schutzgitter am Rand des Nordbeckens durchbrachen. Kopfüber soll der Wagen von der rund acht Meter hohen Kaimauer hinab ins Wasser gestürzt und versunken sein. So hat es nach Polizeiangaben ein Zeuge um 22.20 Uhr gemeldet.
Viele Menschen sind fassungslos
Drei der fünf Insassen konnten sich selbst befreien, den anderen beiden gelang dies nicht. Sie wurden von Rettungstauchern der Berufsfeuerwehr geborgen. Alle fünf kamen ins Krankenhaus. Eines der Opfer ist kurz darauf an seinen Verletzungen gestorben - ein junger Mann, erst 18 Jahre alt. Eine 17-jährige Mitfahrerin ringt weiterhin um ihr Leben.
Das Unglück im Osthafen ist für viele Menschen unfassbar. Das Leid der Eltern, Familien und Angehörigen der Opfer ist unerträglich groß. Aber auch Lehrer, Mitschüler und deren Eltern hadern mit diesem Schicksalsschlag. Die fünf Verunglückten stammen aus dem gleichen Jahrgang einer Frankfurter Schule. Die Schule nicht näher zu benennen, gebietet der Opferschutz.
Eine Schule trauert
Seit dem Wochenende bewegt sich die Schulgemeinde in einer anderen Welt. Seit Montagmorgen sei ein Krisenintervention-Team im Einsatz, heißt es. Schulseelsorger stehen für Schüler und Lehrer zu Gesprächen bereit. Zum Gedenken ist ein Raum der Stille eingerichtet. Auch speziell geschulte Psychologen des staatlichen Schulamts sind an die Schule abgeordnet. Der Schock sitzt tief. Nicht nur Schüler und Lehrer, auch Eltern suchen das Gespräch.
Die Unglücksursache sei noch gänzlich unklar. Die Polizei ermittelt. Ein Gutachter ist eingeschaltet. Zeugen, die Freitagnacht am Osthafen oder auf der parallel verlaufenden Lindleystraße Beobachtungen gemacht haben, werden gebeten, sich bei der Polizei zu melden.
Viele offene Fragen
Warum hat der Wagen das Geländer durchbrochen? Warum hat er nicht die Richtung geändert, weg vom Beckenrand? Was haben die jungen Menschen am Hafenkai gemacht? Die Stelle ist immerhin Hafengebiet. An der Lindleystraße weisen Schilder der Hafenbehörde darauf hin, dass der unbefugte Aufenthalt nicht erlaubt sei.
Die zuständige Managementgesellschaft für Hafen und Markt (HFM) zeigt sich erschüttert. Deren Geschäftsführer spricht am Montag den Angehörigen der Unfallopfer sein Beileid aus. Eine Sprecherin der HFM möchte sich zu Fragen zum Hafengebiet nicht näher äußern. Man wolle das Ergebnis der polizeilichen Ermittlungen abwarten, heißt es.
Nur wenige Minuten sollen in der Unglücksnacht vergangenen sein, bis Rettungskräfte am Hafenbecken eintrafen. Ein Großeinsatz folgte für die Polizei, die Kräfte der im Osthafen ansässigen Berufsfeuerwehr und der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG).
Die DLRG-Einheit ist nach Angaben ihres Sprechers Philipp Hericks auf dem Main gerade auf der Rückfahrt von einem anderen Einsatz gewesen, als der Notruf eintraf. „Wir waren mit dem Boot in zwei Minuten vor Ort", schildert Hericks. Die Taucher der Berufsfeuerwehr seien ins Wasser gegangen, um nach dem Wagen und den Opfern zu tauchen.
Dramatische Situation und schwere Sicht
Eine dramatische Situation. Das Hafenbecken sei rund vier Meter tief, meint Hericks. Das Auto sei auf den Grund gesunken. Wegen des durchbrochenen Geländers am Beckenrand habe die Stelle des Untergangs zwar eingegrenzt werden können, im trüben Mainwasser herrsche in der Tiefe und bei Nacht "aber allenfalls eine Sichtweite von 20 bis 30 Zentimetern", sagt Hericks.
Mit einer Unterwasserdrohne sei der Beckengrund sondiert worden. Im offenen Flusslauf wäre das Auto unter Wasser womöglich noch abgetrieben worden. Die Strömung im Hafenbecken sei hingegen minimal, sagt Hericks.
Bei schlechter Sicht können sich Rettungstaucher unter Wasser jedoch nur vortasten. Grundsätzlich zähle unter Wasser für die im Auto verbliebenen Menschen jede Sekunde, sagt Hericks. Bei drei bis fünf Minuten ohne Sauerstoff-Versorgung drohten irreversible gesundheitliche Folgen. Zur konkreten Situation unter Wasser und zum Autowrack nennt der DLRG-Sprecher wegen der laufenden Ermittlungen jedoch keine Einzelheiten.
Extrem belastend für die Einsatzkräfte
Ein vergleichbares Unglück am Main hat Hericks nach eigenen Angaben noch nicht erlebt. Für die Einsatzkräfte sei die Situation extrem belastend gewesen. Nach Angaben des DLRG-Sprechers sind noch in der Unglücksnacht Experten zur psychologische Betreuung der Einsatzkräfte hinzugezogen worden.
Vor dem durchbrochenen Geländer an der Kaimauer sind nun provisorisch Schutzgitter gestellt. Sie sind mit rot-weißem Plastikband umwickelt, auf dem „Polizeiabsperrung" steht. Passanten laufen an der Unglücksstelle vorbei, bleiben stehen, manche schauen ungläubig auf das gebrochene Geländer und ins tiefe Becken. Die Kaimauer des Nordbeckens ist ein tragischer Ort geworden. Ein kleines Herz, ein große Herz und ein F - sie erinnern an das Unglück und seine Opfer.
MAXLOK-Hintergrund
- Rettungseinsätze unter Wasser sind besondere Herausforderungen. Philipp Hericks, Sprecher des DLRG-Bezirks Frankfurt, empfiehlt Insassen eines untergehenden Autos, so schnell wie möglich zu versuchen, dieses zu verlassen. Je tiefer das Fahrzeug sinke, desto schwieriger könne die Flucht werden.
- Elektronische Fensterheber drohten auszufallen.
- Das Sinkverhalten eines Fahrzeugs hänge von der Lage des Motors ab. Das Auto sinke mit dem schweren Gewicht nach vorne - wenn Wasser in den Innenraum eindringe, bilde sich allenfalls im Kofferraum noch eine Luftblase.
- Grundsätzlich sei es extrem schwierig einen Wagen zu verlassen, in den Wasser eindringe. Sei eine Scheibe beschädigt, werde der Innenraum in Sekunden geflutet. Gegen die eindringenden Wassermassen könne man kaum antauchen.
- Seien die Scheiben noch intakt, stelle dies auch ein Problem dar. Mit Fäusten, Ellbogen oder Füßen seien die extrem gehärteten Scheiben kaum zu zertrümmern. Allenfalls ein Notfallhammer könnte helfen.
- Befinden sich etwa Kinder auf der Rücksitzbank, sollten diese nach vorne geholt werden, bevor dort Scheiben der Fahrer- oder Beifahrerseite zertrümmert würden - denn das Wasser dringe mit so einer Kraft in den Innenraum, dass man sich vom Rücksitz kaum noch befreien könne.
- In Flüssen werde die Gefahr durch die Fließkraft erhöht. Das untergehende Auto könne abgetrieben oder auf dem Flussgrund zur Seite kippen.
- Schafft man es aus dem Auto, sei bei geringer Sicht unter Wasser die Orientierung schwierig, sagt DLRG-Sprecher Hericks.
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