Vor 85 Jahren begann die erste Deportation von 1100 jüdischen Bürgern / Gedenken in der Paulskirche
FRANKFURT - Vor 85 Jahren begann die systematische Deportation der jüdischen Bevölkerung aus Frankfurt. Am 19. Oktober 1941 verschleppten die Nationalsozialisten 1100 Menschen in das Getto Łódź im besetzten Polen. Nur drei von ihnen überlebten.
Mit einer Gedenkveranstaltung in der Paulskirche hat die Stadt Frankfurt am Montag an die Opfer erinnert und vor einer Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen gewarnt.
Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) betonte bei der Gedenkstunde die Bedeutung der historischen Erinnerung angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen in Deutschland. Es sei die gemeinsame Verantwortung, das Wissen um die Shoah in der Öffentlichkeit lebendig zu halten. „Die Relativierung oder gar Leugnung der Verbrechen des Nationalsozialismus darf in Deutschland niemals zur akzeptierten Normalität werden“, sagte Hartwig.
Ansicht oben (zur vollen Größe anklicken): Seit 2015 erinnert eine Gedenkstätte an der ehemaligen Großmarkthalle, heute Teil des Geländes der Europäischen Zentralbank, an die Deportationen. Der 19. Oktober ist seit 2018 offizieller Gedenktag der Stadt Frankfurt. Foto: MAXLOK MEDIA
Die Veranstaltung fand in Zusammenarbeit mit dem Fritz Bauer Institut statt. Dessen Direktorin Sybille Steinbacher warnte davor, dass historische Fakten zunehmend infrage gestellt würden. Die Deportationen müssten möglichst konkret sichtbar gemacht werden. Schließlich hätten sie mitten in Frankfurt, auf öffentlichen Straßen und vor den Augen der Bevölkerung stattgefunden.
Verschleppung durch die Frankfurter Innenstadt
Am 19. Oktober 1941 wurden 1100 jüdische Frankfurterinnen und Frankfurter ohne Vorwarnung aus ihren Wohnungen geholt. Angehörige der SA trieben sie durch die Stadt zur Großmarkthalle im Ostend. In deren Kellerräumen wurden die Menschen gedemütigt, misshandelt und ihrer persönlichen Habe beraubt.
Anschließend erfolgte der Abtransport über die Gleisanlagen zum Getto Łódź, das die deutschen Besatzer damals Litzmannstadt nannten. Von den 1100 Deportierten überlebten lediglich drei Menschen.
Historiker beleuchtet Täter und Opfer
Den diesjährigen Gedenkvortrag hielt Fritz Backhaus, stellvertretender Präsident des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Unter dem Titel „Die Deportation der Frankfurter Juden. Opfer, Täter, Erinnerung“ beschäftigte er sich mit der historischen Aufarbeitung. Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung von Pianist Amit Dolberg und Komponist Amos Elkana. Sie präsentierten Auszüge aus „Que sais-je?“, einem musikalischen Porträt von Elkanas Vater Yehuda Elkana, der das Konzentrationslager Auschwitz überlebt hatte.
Nach Recherchen des Jüdischen Museums Frankfurt begann die erste Deportation am 19. Oktober 1941; der Zug verließ das Gelände der Großmarkthalle jedoch erst am Morgen des 20. Oktober. Die Verschleppten stammten überwiegend aus dem Frankfurter Westend. Der reguläre Marktbetrieb lief während der Misshandlungen weiter. Insgesamt wurden allein zwischen Oktober 1941 und September 1942 mehr als 10.000 Menschen von der Großmarkthalle aus deportiert.
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Quellen: Presse- und Informationsamt Frankfurt; Jüdisches Museum; Fritz Bauer Institut;