"Fernrohr in die Vergangenheit" macht zerstörte Synagoge wieder sichtbar
OSTEND – Wo heute ein mächtiger Hochbunker an der Friedberger Anlage steht, befand sich bis 1938 die größte Synagoge Frankfurts. Jetzt lässt sich das zerstörte Gotteshaus wieder betrachten – zumindest virtuell. Die Initiative 9. November und die TU Darmstadt haben gegenüber dem Bunker ein „Fernrohr in die Vergangenheit“ eingerichtet.
Ansicht oben (zur vollen Größte anklicken): Blick in die Ausstellung im heutigen Hochbunker, an dessen Stelle bis 1938 die Synagoge stand. Foto: Stadt Frankfurt / Maik Reuß
Die Installation wurde am Dienstag (1. September) offiziell eröffnet. Wer durch das Fernrohr in der Grünanlage blickt, sieht eine digitale Rekonstruktion der Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft so, wie sie an dieser Stelle vor ihrer Zerstörung ausgesehen hat. Ergänzt wird das Angebot im Hochbunker durch einen Film mit animierten Kamerafahrten und Virtual-Reality-Brillen, mit denen Besucher den damaligen Innenraum virtuell erkunden können.
Einst Frankfurts größter jüdischer Sakralbau
Die Synagoge wurde am 29. August 1907 eingeweiht. Mit 1000 Plätzen für Männer und weiteren 600 auf der Frauenempore war sie der größte jüdische Sakralbau Frankfurts. Während des Novemberpogroms 1938 setzten Nationalsozialisten das Gotteshaus in Brand. Die verbliebenen Mauern wurden anschließend abgetragen. Auf den Fundamenten entstand während des Zweiten Weltkriegs der Hochbunker. Heute steht das Gebäude unter Denkmalschutz.
Ansicht oben: Die digitale Visualisierung des Prachtbaus der 1938 von Nationalsozialisten niedergebrannten Synagoge an der Friedberger Anlage im Stadtteil Ostend. Copyright: Technische-Universitaet-Darmstadt-FG-Digitales-Gestalten
Die Synagoge war Mittelpunkt der Israelitischen Religionsgesellschaft und hatte weit über Frankfurt hinaus Bedeutung für das orthodoxe Judentum. Die Gemeinde entwickelte ein Modell dafür, wie sich ein orthodoxes jüdisches Leben mit der modernen bürgerlichen Gesellschaft verbinden ließ.
Mit der virtuellen Rekonstruktion soll deshalb nicht allein die Architektur wieder sichtbar werden. Das Projekt will auch an die Bedeutung jüdischen Lebens für Frankfurt und an dessen gewaltsame Zerstörung während der NS-Zeit erinnern. Kulturdezernentin Ina Hartwig sieht in einer lebendigen Erinnerungsarbeit zugleich einen Beitrag zum Schutz der Demokratie.
Visualisierung des Zerstörten
Die Rekonstruktion entstand im Forschungsprojekt „Visualisierung des Zerstörten – Synagogen im Rhein-Main-Gebiet“ unter Leitung von Marc Grellert vom Fachgebiet Digitales Gestalten der TU Darmstadt und mit Unterstützung der Stiftung Giersch. Insgesamt sollen acht Frankfurter Synagogen digital rekonstruiert werden. Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sich das Fachgebiet mit der virtuellen Wiederherstellung von Gotteshäusern, die während der NS-Zeit zerstört wurden. Mehr als 50 Synagogen in Deutschland wurden bereits rekonstruiert oder werden derzeit bearbeitet.
Ansicht oben: Der Hochbunker, in der die Ausstellungsräume der Initiative 9. November ansässig sind. Foto: Stadt Frankfurt / Maik Reuß
Initiiert wurde das „Fernrohr in die Vergangenheit“ von der Initiative 9. November. Der Verein engagiert sich seit Jahrzehnten am historischen Ort für die Erinnerung an die während der NS-Zeit verfolgten und ermordeten Frankfurter Jüdinnen und Juden.
Fernrohr, Ausstellung, Film und VR-Brille
Das Fernrohr kann kostenlos genutzt werden. Auch die Ausstellungen, der neue Film und die VR-Anwendung im Hochbunker sind kostenfrei zugänglich. Der Bunker ist von Mai bis Ende November mittwochs von 17 bis 19 Uhr sowie sonntags von 11 bis 14 Uhr geöffnet. Führungen können zusätzlich vereinbart werden.
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Ansicht oben: Kulturdezernentin Ina Hartwig blickt durch das "Fernrohr in die Vergangenheit". Foto:; Stadt Frankfurt / Maik Reuß
- Virtuelle Rückkehr: Ein „Fernrohr in die Vergangenheit“ gegenüber dem Hochbunker zeigt die 1938 zerstörte Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft digital an ihrem historischen Standort.
- Drei digitale Zugänge: Neben dem Fernrohr gibt es im Bunker einen neuen Film mit animierten Kamerafahrten sowie VR-Brillen für einen virtuellen Rundgang durch den Innenraum. initiative-neunter-november.de
- Historischer Ort: Die 1907 eingeweihte Synagoge bot rund 1600 Menschen Platz und war Frankfurts größter jüdischer Sakralbau. Im Novemberpogrom 1938 wurde sie in Brand gesetzt und anschließend abgetragen. Jüdisches Museum Frankfur
- Größeres Forschungsprojekt: Die Rekonstruktion gehört zum Projekt „Visualisierung des Zerstörten – Synagogen im Rhein-Main-Gebiet“. Insgesamt sollen acht Frankfurter Synagogen rekonstruiert werden.
MAXLOK-Service
- Was: „Fernrohr in die Vergangenheit“ und Ausstellung zur Synagoge Friedberger Anlage
- Wo: Hochbunker, Friedberger Anlage 5–6, 60314 Frankfurt
- Fernrohr: in der Grünanlage gegenüber dem Hochbunker
- Bunker geöffnet: Mai bis Ende November, mittwochs 17–19 Uhr und sonntags 11–14 Uhr
- Eintritt: kostenlos
- Führungen: nach Vereinbarung
- Veranstalter: Initiative 9. November e.V.
- Weitere Informationen: Initiative 9. November initiative-neunter-november.de
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Quelle: Presse- und Informationsamt Frankfurt; Iniviative 9. November e.V.;