Müll, Gastro, Sicherheit: Zustand der Berger Straße im Ortsbeirat beklagt / Händler fordern Konsequenzen
NORDEND - Es ist ein drastisches Szenario, das Kaweh Nemati, Sprecher der Interessengemeinschaft Untere Berger Straße (IGUB), für die nahe Zukunft der Einkaufsstraße zeichnet. "Wenn wir jetzt nicht aufpassen und handeln, dann haben wir in zwei bis drei Jahren nicht mehr unsere Berger Straße, sondern die Münchner Straße 2.0 im Nordend", so Nemati. Der Inhaber eines Bekleidungsgeschäfts ist am Donnerstagabend (24. September) in der Sitzung des für den Stadtteil Nordend zuständigen Ortsbeirats 3 ans Mikrofon getreten, um seinen Unmut über "die Entwicklung der Berger" kundzutun - und vor Verhältnissen wie im Bahnhofsviertel zu warnen.
Eine Woche liegt der Sprengstoffanschlag auf das Café "Rio" an der Berger Straße zurück. Die Explosion um 4.20 Uhr in der Früh, im Abschnitt zwischen Herderstraße und Baumweg, hat nicht nur das Lokal sowie umstehende Gebäude beschädigt, sondern endgültig das längst angegraute Bild von der funktionierenden Einkaufsstraße zerrissen. Die Detonation - der kurz darauf eine weitere Explosion vor einer Shisha-Bar an der nahen Zeil gefolgt war - hat die schon lange laufende Debatte über die Zukunft des Einkaufsstandorts deutlich befeuert.
Ansicht oben (zur vollen Größe anklicken): Die Explosion am 17. September zerstörte die Front des Ladenlokals an der unteren Berger Straße. Auch umstehende Gebäude und ein Auto wurden beschädigt. Verletzt wurde niemand. Erheblichen Schaden nahm aber das Vertrauen in den Einkaufsstandort. Foto: 5vision.news
Gewerbetreibende und Anwohner berichteten in der Bürgerfragestunde des Stadtteilparlaments von wachsender Vermüllung, Lärmbelastung und einer zunehmenden Dominanz gastronomischer Angebote auf der Einkaufsstraße. Zugleich wurde aber auch vor einer pauschalen Kriminalisierung der Straße und ihrer Betriebe gewarnt.
Mutmaßlicher 17-jähriger Täter in Untersuchungshaft
Nach dem Anschlag auf der Berger Straße nahm die Polizei einen 17 Jahre alten Niederländer fest. Er befindet sich inzwischen in Untersuchungshaft. Polizei und Staatsanwaltschaft prüfen die Tat im Zusammenhang mit einer Serie ähnlicher Anschläge. Die Behörden rechnen Fälle dieser Art dem Phänomen „Violence as a Service“ zu, bei dem häufig sehr junge Täter für Anschläge angeworben werden.
In der Bürgerfragestunde wurde allerdings schnell deutlich, dass die Motive der Diskussion weit über den Anschlag hinausreichen. Kaweh Nemati, der seit 1992 sein Ladengeschäft an der Berger Straße betreibt, und seit vielen Jahren als Sprecher der Interessengemeinschaft für die Anliegen der Einzelhändler entlang der Berger eintritt, beklagt einen grundlegenden Wandel der Straße.
Die Zahl klassischer Einzelhandelsgeschäfte nehme beständig ab, während immer mehr Gastronomiebetriebe eröffneten. Nemati stellte infrage, wie diese vielen gastronomischen Betriebe überhaupt wirtschaftlich zu betreiben seien. Im Namen der Interessengemeinschaft forderte Nemati ein entschlosseneres Vorgehen der Stadt, klarere Regeln für Außengastronomie sowie stärkere Kontrollen.
Viel Müll und wenig Sorgfalt
Der vom Nordend bis nach Bornheim reichende Straßenzug, der lange das Etikett trug, lebendige und verbindende Lebensader der beiden Stadtteile zu sein, verliert mit dem schwindenden Laden- und Branchenmix deutlich an Flair und Bedeutung. Diese Ansicht vertreten nicht nur die noch verbliebenen Händler, sondern auch Anwohner.
Bürger berichteten von Verpackungen und Essensresten, die nach dem Besuch von Take-away-Betrieben auf Gehwegen und im Umfeld der Straße zurückblieben. Die Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH reinige bereits mehrfach, dennoch habe sich das Problem nach Darstellung von Anwohnern nicht entscheidend verbessert.
Eine Bürgerin warnte hingegen "vor einer Überzeichnung der Situation auf der Berger Straße". Der Vergleich mit problematischen Entwicklungen im Bahnhofsviertel und in der Münchener Straße sei überzogen. Der Wandel von Einzelhandel hin zu mehr Gastronomie sei zunächst eine wirtschaftliche Entwicklung und nicht mit Kriminalität gleichzusetzen. Aus dem Sprengstoffanschlag dürfe nicht auf die Seriosität anderer Betriebe geschlossen werden.
Unterdessen gaben andere Anwohner im Ortsbeirat bekannt, dass sie sich zu einer Initiative zusammengeschlossen haben, um dem Abstieg der Einkaufs- und Wohnlage entgegenzutreten. Innerhalb von zwei Wochen seien über die städtische Mängelmeldeplattform mehr als 200 Meldungen abgesetzt worden. Von der Stadt fordert die Gruppe nicht nur häufigere Reinigung, sondern Regelungen, die stärker bei den Verursachern ansetzen. Freiwillige Appelle an Betriebe reichten aus ihrer Sicht nicht aus; notwendig seien wirksame Kontrollen und gegebenenfalls Bußgelder.
Ortsvorsteherin will Runden Tisch initiieren
IGUB-Sprecher Nemati forderte, mehrere Ämter an einen Tisch zu holen. Probleme wie Müll, Lärm, Außengastronomie und mögliche ordnungsrechtliche Verstöße müssten gemeinsam betrachtet werden. Die untere Berger Straße müsse als Einkaufsstraße erhalten bleiben.
Ortsvorsteherin Karin Guder griff den Vorschlag auf. Sie sprach sich dafür aus, einen Runden Tisch zu initiieren. Alle beteiligten und betroffenen Gruppen - Anwohner, Händler, Gastronomen - sowie die zuständigen Behörden und politischen Vertreter sollten zusammenkommen und sich mit der Situation befassen. Darüber hinaus zeichnet sich im Ortsbeirat Unterstützung dafür ab, bei Müll und ordnungsrechtlichen Problemen stärker tätig zu werden.
Damit hat der Anschlag die Debatte um die Berger Straße deutlich beschleunigt. Es geht nicht allein um Sicherheit, sondern um die Frage, welchen Charakter eine der bekanntesten Einkaufsstraßen Frankfurts künftig haben soll – und wie Stadt, Geschäftsleute und Anwohner mit den Begleiterscheinungen ihres Wandels umgehen.
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