Frust über veränderte politische Kultur, aber auch Zufriedenheit

06.05.2026
Von Bernd Günther


Friedrich Hesse sagt sich nach vier Wahlperioden vom Ortsvorsteheramt los
 
DORNBUSCH - Nach rund einem halben Jahrhundert im Dienst der Kommunalpolitik zieht sich Friedrich Hesse aus dem Ortsbeirat 9 zurück. Seit 1976 saß der CDU-Politiker im Gremium für Eschersheim, Dornbusch und Ginnheim, davon vier Wahlperioden lang als Ortsvorsteher. Wer mit dem 74-Jährigen spricht, merkt schnell: Hier verabschiedet sich keiner, der müde geworden ist – sondern einer, der genug gesehen hat.
 
Ansicht oben (zur vollen Größe anklicken): Friedrich Hesse im MAXLOK-Gespräch. Foto: MAXLOK MEDIA
 
„Es passiert nichts mehr Neues", sagt Hesse nüchtern bei einer Tasse heißer Schokolade. Es ist weniger das Alter, das ihn zum Aufhören bewegt, als ein Gefühl der Sättigung – und der Frust über eine politische Kultur, die sich verändert hat. Früher habe man miteinander gesprochen, gestritten, Kompromisse gesucht. Heute werde „im Ortsbeirat übereinander geredet".
 
Hesses Einstieg in die Politik war ein anderer. In den 1970er Jahren, geprägt von Studienaufenthalten in Frankreich, zog es ihn eher aus Neugier und gesellschaftlichem Interesse in die Reihen der CDU. Wobei das starke politische Engagement seines Vaters ihn aber durchaus beeinflusst habe, wie Hesse einräumt.
 

Nicht von Ideologien getrieben

Politik war für ihn nie nur Ideologie, sondern vor allem Praxis. „Mich hat immer interessiert: Was funktioniert – und warum?" Diese Haltung prägte seine Arbeit im Ortsbeirat über Jahrzehnte hinweg.
 
Zu seinen frühen Erfolgen zählt die Umgestaltung des Weißen Steins. Gemeinsam mit Weggefährten engagierte er sich dafür, den Platz neu zu gestalten und historische Elemente zu bewahren - dazu zählt auch der sogenannte Herkulesbrunnen, der ein Kriegerdenkmal ist. Für dessen Rekonstruktion hatte sich Hesse stark gemacht. „Wir können Geschichte nicht wegdiskutieren oder ausblenden“, sagt er.
 
Auch der Dornbuschmarkt geht indirekt auf seine Initiative zurück. „Meine Frau hat gesagt: Hier fehlt ein Wochenmarkt", erinnert sich Hesse. Was zunächst als unwirtschaftlich galt, entwickelte sich zu einer festen Institution im Viertel.
 

Frankreich als Vorbild

Sein Blick ging stets über Frankfurt hinaus. Besonders Frankreich wurde für ihn zum Vorbild – nicht ideologisch, sondern pragmatisch. Verkehrssysteme, Wochenmärkte, Stadtplanung: Hesse beobachtete genau, was in französischen Städten - insbesondere in Lyon - funktionierte. „Dort existieren verschiedene Systeme nebeneinander – und man probiert einfach aus", sagt Hesse etwa mit Blick auf dortige Verkehrskonzepte. „In Deutschland sind wir oft zu starr."
 
Gerade dieser Pragmatismus sei im Laufe der Jahre verloren gegangen, urteilt der 74-Jährige über die Arbeit im Ortsbeirat. Stattdessen dominierten Parteivorgaben und Koalitionszwänge die Arbeit, auch auf lokaler Ebene. „Da wird dann copy and paste von der Römer-Koalition gemacht", kritisiert Hesse. Eigene Ideen hätten es zunehmend schwer, Mehrheiten zu finden.
 

Verdruss über fehlendes Gehör im Römer

Besonders deutlich wurde das für ihn bei Verkehrsprojekten wie den neuen Fahrradwegen im Ortsbezirk. Nicht die Maßnahmen an sich seien das Problem gewesen, sondern die Umsetzung. „Es wurde nicht mehr zugehört", sagt er. Ortstermine mit Anwohnern und Gewerbetreibenden hätten oft wenig bewirkt. Die Entscheidungen seien längst gefallen gewesen.
 
Diese Entwicklung hat Spuren hinterlassen. „Man konnte zwar etwas sagen, aber es ging da rein und da wieder raus." Für einen, der Politik immer als offenen Prozess verstanden hat, ist das ein Bruch.
 
Auch strukturell sieht der langjährige Ortsvorsteher Reformbedarf. Die Ortsbeiräte hätten zu wenig Kompetenzen und zu geringe Budgets, um wirklich gestalten zu können. „Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben", beschreibt er die finanzielle Ausstattung. Viele Anträge würden gestellt, ohne Aussicht auf Umsetzung – schlicht, um sichtbar zu bleiben.
 
 

„Das ist keine Bereicherung, das ist Pseudodemokratie." Friedrich Hesse über die Vielzahl an Kleinparteien und Einzelinteressen in Ortsbeiräten.

 

Gleichzeitig beobachtet der Christdemokrat eine zunehmende Zersplitterung der Gremien. Kleinparteien und Einzelinteressen erschwerten die Arbeit. „Das ist keine Bereicherung, das ist Pseudodemokratie", sagt Hesse pointiert. Dennoch plädiert er für einen sachlichen Umgang – auch mit politischen Rändern. Entscheidend sei, Ursachen zu verstehen, nicht nur Symptome zu bekämpfen.

 

Trotzdem ein gutes Gefühl

Trotz aller Kritik blickt Hesse nicht verbittert zurück. Es gebe viele Projekte, auf die er stolz sei: kulturelle Initiativen, Erinnerungsorte, städtebauliche Impulse. Und vor allem das Gefühl, vor Ort etwas bewegt zu haben.

Sein Rückzug sei auch eine Frage der Generation. „Die neuen Leute sind jünger, stehen im Beruf – das ist gut so." Er selbst habe nie eine große politische Karriere angestrebt, etwa im Römer. „Das wäre nicht mein Leben gewesen."

Was bleibt, ist die Haltung eines Kommunalpolitikers alter Schule: engagiert, unabhängig im Denken und überzeugt davon, dass Fortschritt nicht planbar ist. „Geschichte läuft nicht linear", sagt Hesse. „Man macht einen guten Schritt – und dann vielleicht wieder zwei zurück."

Ganz vom ehrenamtlichen Engagement möchte Hesse aber nicht lassen. Er könne sich schon vorstellen, im Ortsbezirk noch eine Rolle zu übernehmen.

In der aktiven Stadtteilpolitik verliert der Ortsbeirat 9 und somit auch Frankfurt aber eine prägende Stimme. Einer, der auch gegen den Strom schwamm - und vielleicht gerade deshalb gehört wurde.

 

MAXLOK-Hintergrund

  • Friedrich Hesse ist 1976 erstmals in den Ortsbeirat gewählt worden.
  • Er hat Französisch und Geographie studiert, ist Vater zweier Kinder, wohnt im Stadtteil Dornbusch und hat bis zu seiner Pensionierung in Eschersheim am Ziehengymnasium unterrichtet.
  • Der Frankreich-Liebhaber hat in Lyon studiert. Seine Frau ist Französin. Für seine Schule hat er regelmäßig den Schülerausstausch mit Frankfurts Partnerstadt Lyon organisiert.
  • Wenn er jetzt nicht mehr der Arbeit als Ortsvorsteher und den monatlichen Sitzungen des Ortsbeirats verpflichtet ist, möchte er mit seiner Frau längere Aufenthalte in Arcachon an der französischen Atlantikküste verbringen.
  • Zur Kommunalwahl hatte Friedrich Hesse nicht mehr kandidiert. Der Ortsbeirat 9 konstituiert sich am Donnerstag, 7. Mai, neu. Die Sitzung beginnt um 19.30 Uhr in der Evangelischen Emmausgemeinde, Alt-Eschersheim 22. Die Nachfolge im Amt des Ortsvorstehers wird dann bestimmt.

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